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Kann Technik das Gesundheitswesen umkrempeln?

  • Gepostet vor 3 Jahren
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Das Gesundheitswesen steht auf der Kippe. Die Bevölkerung in der EU wird immer älter. Die EU-Kommission prognostiziert, dass sich die Zahl derer, die zur Ü65 gehören, bis 2050 um 72 Prozent erhöhen wird. Das bedeutet: In 35 Jahren wird ein Drittel der Bevölkerung kurz vor der Pensionierung stehen. Laut IDC Health Insights¹ werden die Ressourcen weniger und der Zugang zur medizinischen Versorgung schwieriger, während die Nachfrage steigt. Zudem werden gesetzliche Vorschriften verschärft. Organisationen im Gesundheitswesen sehen sich daher wachsendem Druck und Widerständen ausgesetzt.

Ganzheitlichkeit

Die Zusammenlegung von Gesundheits- und Sozialdiensten wird von vielen als sinnvolle Lösung betrachtet, um das Gesundheitswesen zu entlasten. Das klingt plausibel. Fast ein Drittel der älteren Menschen in Europa leben mit einer chronischen Krankheit.² Alles, was unnötige Doppelarbeit und die Zersplitterung von Dienstleistungen verhindert, ist daher per se gut. Auch geht es darum, die knapper werdenden Finanzmittel effizient zu verteilen. Krankenhäuser, die mit Sozialeinrichtungen zusammenarbeiten, bekommen ein umfassendes Bild vom Patienten und sparen zudem Zeit und Verwaltungskosten.

Der Schulterschluss von Gesundheits- und Sozialeinrichtungen gibt dem Patienten zudem das Gefühl, dass seine Anamnese verstanden und seine Bedürfnisse erfüllt werden. Und was vielleicht am wichtigsten ist: Durch den Informationsaustausch kann sich das Gesundheitssystem endlich von einem „Reparaturbetrieb“ zu einer zeitgemäßen Vorbeuge- und Vorsorgeeinrichtung entwickeln.

Personalisierung

Das Gesundheitssystem wird stetig kundenorientierter. Patienten achten verstärkt darauf, wie sie als Mensch behandelt werden. Die Personalisierung der Gesundheitsversorgung zeigt sich auch daran, dass es weltweit mittlerweile rund 100.000 mobile Gesundheits-Apps gibt. Über Webforen tauschen sich Menschen – fern vom klassischen Arzt-Patienten-Gespräch – über Krankheiten und Heilverfahren aus. Individuen können Online-Tools und -Technologien dazu nutzen, ihre Gesundheitsversorgung auf ihre Werte und Ziele abzustimmen.

In einem personalisierten Gesundheitssystem gibt es keine Pauschalbehandlung mehr. Daten sind für den Patienten zugänglich, sodass dieser immer besser informiert ist. Digitaltechnik wird eingesetzt, um Menschen besser an ihr medizinisches Team anzubinden und sie zu aktiven Partnern bei der Steuerung von Gesundheit und Wohlbefinden zu machen.

Industrialisierung

Neben Ganzheitlichkeit und Personalisierung spielt auch die Industrialisierung bei der medizinischen Versorgung eine immer größere Rolle – der Nachholbedarf ist groß. Technologie und ein besseres Informationsmanagement unterstützen wesentlich diesen Prozess. Durch elektronische Rezepte etwa sank die Fehlerquote gegenüber handgeschriebenen Rezepten um 50 Prozent. Rezepte werden elektronisch geprüft, um binnen Sekunden – anhand von digitalen Aufzeichnungen und Patienteninformationen – vernünftige Wirkstoffmengen, Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, Allergien und klinische Bedingungen abzuklären. Der Trend geht zu standardisierten Rollen und Aufgaben, um den Patientenservice zu rationalisieren und dadurch die Folgen von Budgetkürzungen und Stellenabbau zu lindern. Die Industrialisierung sorgt so für mehr Effizienz im Gesundheitswesen. Doch sie bedarf der Patientenpersonalisierung und ganzheitlicher Dienstleistungen, um ihr Potenzial auszuschöpfen.

Die Bedeutung der Daten

Das Bindeglied zwischen allem und allen sind Informationen. Mit der Verbreitung stetig intelligenterer Technik sammeln Krankenhäuser mehr Patientendaten denn je. Dokumente, Bilder und Berichte werden immer öfter per Web ausgetauscht.

Mithilfe von Abfragesystemen oder -software lassen sich Wartezeiten verkürzen. Zudem wissen Ärzte, in welchem Stadium der Behandlung sich der Patient gerade befindet. Einige Krankenhäuser verwenden Tablets, um Patientendaten mobil zu erfassen. Manche nutzen sogar Abfragesysteme, mit denen sie nach der Entlassung über die weiteren Therapieschritte auf dem Laufenden bleiben. Die Patienten selbst verfolgen zunehmend ihre Krankengeschichte, um ihre medizinische Behandlung kontrollieren zu können. Die gemeinsame Nutzung von Daten und Workflowsystemen gibt dem Patienten außerdem die Möglichkeit, bei Zweifel an Diagnose und Therapie eine zweite Meinung einzuholen.

Die Zukunft des Gesundheitswesens

Ganzheitlichkeit, Personalisierung und Industrialisierung sind die drei Hauptfaktoren des notwendigen Wandels. Doch trotz Überwachung, Datenaufbereitung, Privatisierung und Automatisierung von Prozessen ist die Entwicklung im Gesundheitswesen noch nicht abgeschlossen. Überlastung und Ineffizienz sind weiterhin an der Tagesordnung. Technik bringt immer auch Probleme mit sich. Doch unterm Strich trägt sie dazu bei, das Gesundheitswesen in einer Weise zu koordinieren und neu zu gestalten, die noch vor einem Jahrzehnt undenkbar schien. Das Krankenhaus der Zukunft mit weniger Betten, weniger Ärzten und kürzeren Reaktionszeiten entsteht gerade. Doch es bedarf noch viel Zeit und großer Veränderungen, um ans Ziel zu gelangen.


¹ IDC Health Insights, Western Europe Healthcare 2013 Top 10 Predictions, doc #HIOH01V, January 2013
² IDC Healthcare Insights, 2014