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Namen sind Schall und Rauch –
Profis diskutieren, ob Bezeichnungen in der Fotografie veraltet sind

John Stanmeyer takes a self-portrait of his reflection in a mirror.
Die Art und Weise, wie sich Bildschöpfer im Jahr 2020 selbst beschreiben, ändert sich ständig. John Stanmeyer bezeichnet sich beispielsweise selbst als „visuellen Geschichtenerzähler“. Sind angesichts der Tatsache, dass die Skillsets immer vielfältiger werden, traditionelle Bezeichnungen in der Fotografie veraltet? © John Stanmeyer

Es gab eine Zeit, in der man Arbeit eines Fotografen klar an seiner Bezeichnung erkennen konnte. Ein Fotojournalist schoss Nachrichtenbilder. Ein Hochzeitsfotograf fotografierte Hochzeiten. Ein Landschaftsfotograf nahm Landschaftsbilder auf. Diese Bezeichnungen vermittelten uns auf einen Blick, welche Art von Bildern uns erwarten. Heute gilt das jedoch nicht mehr.

Im Jahr 2020 gibt es Hochzeitsfotografen, die im ungestellten, surrealen Stil eines Straßenfotografen fotografieren. Es gibt Fotojournalisten, für die Einzelbilder nur ein Teil ihres Ansatzes für das Geschichtenerzählen bilden, der auch Videos, Sound und Texte umfasst. Es gibt ehemalige Dokumentarfotografen, die heute dem Prinzip der Objektivität den Rücken gekehrt haben und behaupten, dass Fiktion einen authentischeren Weg zur Wahrheit liefert. Es gibt Profis mit Kameras, die sich nicht nur als „Fotografen“, sondern als „objektivbasierte Künstler“, „Bildschöpfer“, „Multimedia-Geschichtenerzähler“ oder „visuelle Aktivisten“ bezeichnen.

Was bedeutet das für uns? Sind die alten Bezeichnungen immer noch nützlich, oder sollten alle, die in der Fotografie arbeiten, ihre eigenen Etiketten basierend auf dem auswählen können, was ihrem einzigartigen hybriden Stil am nächsten kommt?

In den letzten drei Jahren hat Canon Studenten aus ganz Europa und dem Nahen Osten zum Festival für Fotojournalismus „Visa pour l'Image“ in Perpignan, Frankreich, eingeladen, um am Canon Student Development Program teilzunehmen. Dabei haben ausgewählte Studenten die Gelegenheit, ihre Fertigkeiten unter Anleitung von Branchenführern weiterzuentwickeln, Führungen durch die Ausstellung zu genießen, an abendlichen Filmvorführungen teilzunehmen und ihre Portfolios von Kreativredakteuren und Canon Botschaftern überprüfen zu lassen.

Im Rahmen des Content Creation Program (ein praktischer Workshop, in dem eine kleine Gruppe von Studenten Projekte unter der Aufsicht des Canon Botschafters Daniel Etter entwickelte) des Festivals 2019 haben zwei dieser Studenten, Sille Veilmark und Lukas Kreibig, sieben Fotografen gebeten, ein Selbstporträt aufzunehmen und sich an der Diskussion zu beteiligen.

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„Wir alle sind Geschichtenerzähler. Das waren wir schon immer und werden es immer sein.“

John Stanmeyer, visueller Geschichtenerzähler, USA

„Der Begriff ‚Fotojournalismus‘ ist zu einfach: Wir erzählen Geschichten über unbestrittene Wahrheiten. Bei der Fotografie geht es nicht um uns. Die Erzählungen verbinden und vereinen uns alle. Unsere Vorfahren, die Felszeichnungen mit Steinwerkzeugen und Pigmenten schufen, waren die New York Times- und Spiegel-Illustratoren von vor 20.000 Jahren. Die Technologie erfand den Stift, das Papier, den Pinsel, die nasse Dunkelkammer, die trockene Dunkelkammer und die mächtige Fähigkeit, über Self Publishing zu kommunizieren, die wir „Social Media“ nennen. Wir nutzen bereits VR, und es wird noch mehr Neuerungen geben.“

„Das Einzige, über das wir uns Sorgen machen sollten, wäre das fehlende Interesse, sich von allen Möglichkeiten faszinieren zu lassen. Wir alle sind Geschichtenerzähler. Das waren wir schon immer und werden es immer sein. Wir sollten diese Begriffe, die unsere eigene Größe einschränken, loslassen und uns selbst erlauben, uns vom tieferen Sinn unserer Existenz bezaubern zu lassen. Erschaffe etwas visuell, mit Worten, in bewegten Bildern, als Ton oder mit Stille. Erzähle mir etwas, das ich nicht weiß, damit wir uns weiterentwickeln und ein größeres Bewusstsein dafür schaffen können, was noch vor jedem einzelnen von uns liegt. Egal, ob du Töpfer, Banker, Landwirt oder Fotograf bist – das ist alles, was zählt.“

A self-portrait of Magnus Wennman.
Magnus Wennman beschreibt sich selbst als „visueller Journalist“. Wenn Fotografen sich von einschränkenden Etiketten befreien, können sie seiner Meinung nach selbst entscheiden, welchen Aspekt ihrer Arbeit sie in den Vordergrund rücken möchten. © Magnus Wennman

„Das Wichtigste ist, der Geschichte treu zu bleiben.“

Canon Botschafter Magnus Wennman, visueller Journalist, Schweden

„In den 23 Jahren, seitdem ich meine Karriere begann, hat sich der Beruf des Fotojournalisten komplett gewandelt. Damals ging es bei 50 % des Berufs darum, ein Foto zu erstellen und zu entwickeln. Heute muss man in erster Linie Journalist statt Fotograf sein. Man muss in der Lage sein, Geschichten zu erschaffen, und überlegen, wie man diese Geschichten am besten erzählen kann, damit die Menschen sie wirklich verstehen. Wenn Videos der beste Weg dazu sind, mache ich Videos. Wenn sich die Geschichte besser mit Fotografie erzählen lässt, mache ich Fotos. Vielleicht werde ich eines Tages nur mit Sound arbeiten. Das Wichtigste ist, der Geschichte treu zu bleiben. Was wir jetzt erleben, ist eine neue Generation visueller Geschichtenerzähler. Die jungen Leute, die ich treffe, konzentrieren sich viel stärker darauf, Geschichten auf unterschiedliche Weise zu erzählen. Wer einfach nur Fotograf ist, wird es schwer haben, im Journalismus Fuß zu fassen.“

A still from a video self-portrait of Neoza Goffin. She is lying on grass with colourful ribbons in her hair.
Neoza Goffin, die sich selbst als „psychedelische Entdeckerin“ beschreibt, ist der Meinung, dass Fotografen immer danach streben sollten, etwas Neuartiges zu tun. „Dein Stil und deine Art, Dinge zu tun, müssen sich von der Masse abheben“, sagt sie. © Neoza Goffin
A self-portrait of Mathias Svold.
Mathias Svold sagt, dass sich sein Titel je nachdem ändert, wo seine Arbeit erscheint, Das wirft die Frage auf, ob Bezeichnungen vom Fotografen oder von der Außenwelt bestimmt werden. © Mathias Svold

„Die Grenzen in der Gesellschaft verschwimmen zunehmend.“

Neoza Goffin, psychedelische Entdeckerin, Belgien

„Beim Erzählen von Geschichten gibt es immer subjektive Faktoren. Man wählt eine Komposition, eine bestimmte Umgebung und einen Moment in einem Leben aus. All diese Dinge sind subjektiv, selbst wenn man eine objektive Dokumentation erstellen möchte. Ich versuche zu zeigen, wie ich einen Moment erlebe. Ich kommuniziere, wie ich mich fühle – und das bedeutet auch, die Wahrheit zu zeigen. Menschen neigen dazu, alles in Schubladen zu stecken, wie z. B. die Sexualität. Aber jeder hat seine eigene Sexualität, und bei der Fotografie ist das genauso. Die Schubladen ‚Dokumentation‘ und ‚Konzept‘ verschwinden. Die Linien zwischen ihnen lösen sich auf. Das gilt auch für viele andere Bereiche in unserer Gesellschaft – die Grenzen verschwimmen zunehmend.“

„Es hängt vom Kontext ab.“

Mathias Svold, Dokumentarfotograf, Dänemark

„Ich habe die traditionellen Methoden des Fotojournalismus nie bewusst hinterfragt. Ich mache Bilder, die mir gefallen und die meiner Meinung Menschen dazu bringen, über ein Thema nachzudenken. Mein Interesse besteht darin, Fotos aufzunehmen, die ein Gefühl ausdrücken. Dabei befolge ich aber alle journalistischen Regeln, d. h. ich stelle keine Situationen und ich manipuliere sie nicht. Es geht mehr darum, wie ich das echte Leben so genau wie möglich darstellen kann. Ich beschränke mich nicht auf Zeitungen. Die Bezeichnung für meine Tätigkeit hängt vom Kontext ab. Wenn meine Fotos in einem Museum gezeigt werden, bin ich ‚Künstler‘, und das ist in Ordnung. Wenn dieselbe Geschichte in einer Zeitung veröffentlicht wird, werde ich als ‚Fotojournalist‘ bezeichnet. Ich beobachte eine Menge Veränderungen durch neue Technologie, selbst verwende ich aber alte Technologie. Ich bemühe mich um einen langsamen, poetischen Stil und fotografiere normalerweise im 6-x-7-Mittelformat. Ich bezeichne mich selbst als ‚Dokumentarfotograf‘, weil ich an langfristigen Projekten arbeite, bei denen Neuigkeiten im Gegensatz zum Fotojournalismus nicht so sehr im Vordergrund stehen.“

A still from a video self-portrait of Camilla Ferrari.
Camilla Ferrari ist der Meinung, dass Technologie einen großen Einfluss auf den Beruf hat und dass die Betrachter immer anspruchsvoller werden. „Die Messlatte wird immer höher, weil wir über mehr visuelles Wissen verfügen“, sagt sie.

„Wir erleben eine Verschiebung vom Universellen zum Individuellen.“

Camilla Ferrari, visuelle Geschichtenerzählerin, Italien

„Ich dachte, ich wäre Fotojournalistin oder würde im Reportagestil arbeiten, aber je mehr Zeit vergeht, desto mehr wird mir bewusst, dass Fotografie eine Form der Selbstentdeckung ist. Sie ist fast wie ein Portal, das zu etwas anderem führt. Vielleicht sollte ich eher vom ‚Geschichtenerzählen‘ als von ‚Fotografie‘ sprechen, weil ich Fotos, Videos und Sound kombiniere. Ich interessiere mich dafür, wie Emotionen die Wahrnehmung der Menschen beeinflussen, und das betrifft Zeit, Erinnerung und Gegenwart.“

„Heute verstehen wir, dass es je nach Fotograf, Wetter, Stimmung des Fotografen, Stimmung des Motivs und Überzeugungen des Fotografen unterschiedliche Realitäten gibt. Es ist interessant, in diesen Zeiten zu leben, in denen wir Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten können. Eine weitere Veränderung, die ich beobachte, ist die Selbstreflexion und die Bedeutung von Erfahrung. Es geht nicht mehr darum, über das Universelle zu sprechen, sondern über das Individuelle, d. h. deine Geschichte, deine Gemeinschaft und das, was du weißt, weil das deine gelebte Erfahrung ist.“

„Es ist wichtig, einen eigenen Stil zu entwickeln, aber ich glaube nicht, dass das das Endziel ist. Fotografie ist ein Kommunikationsmittel. Jemand, der seinen eigenen Stil findet, hat eine ganz eigene Methode gefunden, sich auszudrücken. Und die Menschen spüren, wenn man ehrlich ist.“

Commuters in North Korea travel up a tall metro escalator at rush hour.

Meinung: Sollten Fotografen auch Videos aufnehmen?

Gibt es mehr Arbeit für Fotografen, die Videos und Fotos gleichzeitig anbieten, oder sollte man sich lieber auf ein Medium spezialisieren? Drei Experten verraten uns ihre Meinung.

„Es ist an der Zeit, die Definition und Rolle eines Fotografen zu überdenken.“

Turjoy Chowdhury, Fotojournalist, Dokumentarfotograf und Multimedia-Künstler, Bangladesch

„Die Landschaft des Fotojournalismus und Geschichtenerzählens wird immer vielfältiger und komplexer. Es werden viele verschiedene Arten von Geschichten produziert, aber gleichzeitig haben Fotojournalisten und Geschichtenerzähler auf der ganzen Welt mit Problemen zu kämpfen. Auf der einen Seite steht der technologische Fortschritt, auf der anderen die Politik der Unterdrückung und Einschränkung des Rechts auf freie Meinungsäußerung. Wir werden mit Bildern von Smartphones überschwemmt. Wir nehmen jede Menge Fotos aus und erzählen Geschichten auf unsere eigene Art und Weise auf verschiedenen Plattformen. Das ist alles großartig, weckt aber auch Bedenken hinsichtlich der Glaubwürdigkeit dieser Geschichten. Immer häufiger gibt es Fake-News, Propaganda und Hassreden.“

„Es ist an der Zeit, die Definition und Rolle eines Fotografen oder Geschichtenerzählers zu überdenken. Für mich geht es beim Fotojournalismus darum, Fragen zu stellen und Gedanken anzuregen. Er ist eine Art der Kommunikation, die sich auf die Psychologie auswirkt. Er ist eine Form des Widerstands gegen jegliche Art von Ungerechtigkeit. Die Idee hinter dem Geschichtenerzählen ist für mich am wichtigsten.“

„Es ist wichtig, dass man einen eigenen Stil hat, aber Stil ist Identität – nicht nur ein visuelles Gimmick. Meinen eigenen Stil zu haben bedeutet, mich richtig zu kennen, d. h. zu wissen, was ich sagen und wie ich das wirkungsvoll umsetzen möchte. Geschichtenerzähler entscheiden, was sie zeigen und wie sie es zeigen. Aber wenn jemand behauptet, dass man so den Sprachlosen eine Stimme gibt, ist das lächerlich. Fotografen helfen uns einfach, Menschen durch unsere Arbeit miteinander zu verbinden.“

A self-portrait of Turjoy Chowdhury.
Turjoy Chowdhury definiert sich selbst als Fotojournalist, Dokumentarfotograf und Multimedia-Künstler. Er glaubt, dass die Komplexität im Fotojournalismus – und der Aufstieg des Smartphones – die Bedeutung des Geschichtenerzählens verändert hat. © Turjoy Chowdhury
A bunch of dead flowers placed on a rock face on the Norwegian island of Utøya. Taken by Hubert Humka.
Wie Chowdhury denkt auch der fotografisch-visuelle Künstler Hubert Humka, dass Fotojournalismus nicht so leicht zu definieren ist, und konzentriert sich bei seiner Arbeit lieber auf die Geschichte als auf den Stil. © Hubert Humka

„Dieser Wandel kann den Fotojournalismus, wie wir ihn kennen, zu Grabe tragen.“

Hubert Humka, fotografisch-visueller Künstler, Polen

„In den letzten Jahren hat sich der Fotojournalismus langsam verändert. Das moderne Geschichtenerzählen erweitert seine Grenzen und Definitionen und weicht strenge Regeln auf. Künstler suchen nach neuen Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen und Zielgruppen zu erreichen. Moderne Technologie verändert die Art und Weise, wie wir Geschichten konsumieren, und die Quellen, aus denen wir Wissen über die Welt sammeln, werden immer vielfältiger.“

„Dieser Wandel kann den Fotojournalismus, wie wir ihn kennen, zu Grabe tragen. Es wird immer schwieriger zu definieren, was Fotojournalismus eigentlich ist. Unterschiedliche Geschichten erfordern unterschiedliche Kommunikationsmethoden. Nichts sollte wichtiger sein als die Geschichte, und der ‚Stil‘ sollte nicht von deinem Standpunkt ablenken. Den ‚Fotojournalismus-Cowboys‘, die die Welt bereisen und die Dramen der Menschen bebildern, traue ich nicht über den Weg. Für mich gehört das der Vergangenheit an. Ich suche nach einer tieferen Perspektive.“

„Technologie hat schon immer das Gesicht des Geschichtenerzählens geprägt. Aber auch zukünftige Anforderungen und mutige Ideen treiben den technologischen Fortschritt voran. Es ist ein Kreislauf: Traditionelle Werkzeuge werden durch neue ersetzt, und neue werden zu traditionellen Werkzeugen. Wir leben jetzt in dieser revolutionären Zeit.“

Verfasst von Rachel Segal Hamilton, Sille Veilmark and Lukas Kreibig


  • Für das Canon Student Development Program 2020, das allen Studierenden offen steht, die für das akademische Jahr 2019/2020 an einer Schule oder Fakultät eingeschrieben sind, werden noch Bewerbungen akzeptiert. Klicke hier, um dich bis zum 31. Mai 2020 zu bewerben.

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