Canon Explorer

Canon Explorer – Markus Varesvuo

Der vielfach preisgekrönte Naturfotograf und Canon Explorer Markus Varesvuo ist fasziniert von der Vogelwelt, seit er in den 1960er Jahren in Helsinki aufgewachsen ist. Im Alter von 45 Jahren gab er seine berufliche Tätigkeit auf, um sich ganz seiner Leidenschaft zu widmen. Jetzt ist er einer der berühmtesten Vogelfotografen der Welt. Kürzlich wurde er im Rahmen des Wettbewerbs „World Press Photo 2014“ ausgezeichnet (2. Platz in der Kategorie für Naturfotos), und beim Naturfotowettbewerb „Oasis“ in Italien ging er als Gesamtsieger hervor. Wir haben ihn gefragt, wie das alles anfing und was eigentlich seine Leidenschaft aufrechterhält.

Inspiration finden

„Man kennt mich am besten für meine Fotos von europäischen Vögeln, aber ich jage nicht hinter seltenen Exemplaren her und bin auch keineswegs auf irgendwelche Kultvögel oder geheimnisvolle Arten fixiert. Mich fasziniert einfach die Vogelwelt um uns herum, und das hat sich nicht geändert, seit ich ein Kind war. Alle Vögel sind erstaunliche Kreaturen und eine Quelle der Inspiration – sei es eine gewöhnliche Krähe oder ein fast ausgestorbener Rabengeier.“

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© „Auftauchen aus der Tiefe: Basstölpel“, aufgenommen in Unst, Shetland, Schottland, Vereinigtes Königreich mit einer Canon EOS-1D X mit 24–70-mm-Objektiv, 1:2,8: 1/2500 s, 1:5,6, ISO 2000.

„Vögel werden auch häufig wissenschaftlich erforscht, ihre Zugrouten, ihre Fähigkeit zu fliegen, ihre Verbreitung und entsprechende Schwankungen, ihre Vielfalt in nahezu jeder Hinsicht, ihr Überleben und ihr Schutz. Dafür interessieren sich Menschen in aller Welt. Schließlich stammen Vögel ja auch direkt von den Dinosauriern ab – braucht es mehr, um sich für sie zu interessieren?“

Leidenschaften ausleben

„Ich beobachte Vögel, seit ich elf Jahre alt bin. Allerdings entschloss ich mich zum Studium der Wirtschaftswissenschaften, um einen beruflichen Weg im Geschäftsleben einzuschlagen. Ich dachte, es wäre besser, meinen Beruf und meine große persönliche Leidenschaft, die Vögel, strikt getrennt voneinander zu halten. Aber als ich ungefähr 30 war, fing ich an, darüber nachzudenken, dass ich eigentlich gern mein Geld mit etwas verdienen wollte, was mich sowieso in jeder freien Stunde beschäftigte. Das war die Vogelfotografie. Mit 45 wurde ich schließlich professioneller Vollzeit-Vogelfotograf.“

Grenzen überwinden

Einerseits produziere ich kommerziell einsetzbare Bilder, andererseits versuche ich, meine eigenen Grenzen und die meiner Kamera auszuloten. Ich fordere außerdem mein Publikum heraus, mit eigenen Augen wahrzunehmen, und zeige ganz neue Aspekte von Vögeln oder von deren Beziehung zur Umwelt. Irgendwelche ausgefuchsten Tricks sind dabei aber nicht im Spiel. Da bin nur ich, mit meiner Kameraausrüstung, mit den Vögeln und mit der Natur.“

Karriere

„Als ehemaliger Sportler bin ich ziemlich ehrgeizig, deshalb nehme ich auch gern an Fotowettbewerben teil. Mein jüngster und bisher erfüllendster Erfolg war der Preis bei dem Wettbewerb „World Press Photo 2014“. Darüber hinaus mache ich Bücher, organisiere Ausstellungen und gebe hin und wieder Interviews oder nehme an Talkrunden teil. Aber meistens halte ich mich dann doch irgendwo draußen beim Fotografieren oder in meiner digitalen Dunkelkammer auf und arbeite an meinem Material.“

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© Markus Varesvuo

Das Bild des Raben wurde im tiefsten Winter in den Wäldern inmitten von Finnland am Rande eines Sumpfgebiets aufgenommen. Die Tage waren kurz, der Wind heulte, die Kälte war unerbittlich, ein einziges, schier undurchdringliches Schneegestöber. Aber die Raben warteten einfach nur geduldig ab. Mitten im Sturm. Es war weder ihr erster noch ihr letzter Sturm. Dieses Wetter ist typisch für das Leben im hohen Norden.

Ich habe Kontrast, Belichtung und Helligkeit angepasst, um die Heftigkeit des Augenblicks hervorzuheben und den stoischen Gleichmut der Vögel. Natürlich saß ich auch da, mitten im Sturm, auf dem Waldboden, aber im Schutze eines Holzverschlags und in der Wärme guter Winterkleidung und eines Heizgeräts. Die Raben da draußen hockten dagegen so da und hatten zum Schutz nur ihr Federkleid.

Ich hatte eine Vorstellung davon, was ich erzielen wollte. Diese Vorstellung beruhte auf Erfahrungen, die ich auf früheren Reisen zu einem meiner Lieblingsorte gemacht hatte. Das ist die Halbinsel Varanger in Nordnorwegen, genauer gesagt Hornøya, die Leuchtturminsel knapp außerhalb von Vardø. Dort brütet im Frühling eine Seevogelkolonie. Die ersten Vögel erscheinen in den frühen Märztagen, deshalb machte ich mich auf, um ab dem 5. März zehn Tage auf der Insel zu verbringen. Ich kam quasi gemeinsam mit einem großen Schwarm Alkenvögel an, der die Wintermonate draußen in den Weiten über dem Atlantik verbracht hatte.

Während der ersten paar Tage verbrachten die Vögel damit, die kleine Insel in großen Mengen zu umkreisen, als ob die die immer noch vom Schnee bedeckten Steilklippen prüften und sich fragten, ob sie wohl mutig genug wären, ihre Schwimmfüße auf Land zu setzen.

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© Markus Varesvuo

Sie flogen immer und immer wieder über mich hinweg, Hunderte und Tausende, fast hätte ich sie berühren können, und die Anwesenheit eines Menschen kümmerte sie nicht ein Stück. Es kommt nicht häufig vor, dass ein Vogelfotograf mit Kurzobjektiven arbeiten kann, aber wenn es dann doch geschieht, ist es jedes Mal ein Fest!

Ich war hoch genug am Hang, um das Meer als Hintergrund zu haben, und ich wartete auf optimale Wetterbedingungen mit Schneefall, der zwischen den Vögeln und dem Meer sichtbar sein sollte. Der wolkenverhangene Tag bot nicht besonders viel Licht, aber das wenige vorhandene Licht war allgegenwärtig. Es sprang sozusagen von jeder schneebedeckten weißen Oberfläche und schuf eine überaus gleichförmige und harmonische Atmosphäre für das Bild.

Normalerweise bin ich sehr daran interessiert, Vögel scharf ins Bild zu bekommen. Hier war mir das egal. Es musste kein Vogel superscharf aus dem Bild heraustreten. Mit den leicht verschwommenen Vögeln im Vordergrund wollte ich die Tiefe des Schwarms fühlbar machen, und die Stimmung, wenn die Seevögel des Nordens im Frühling ankommen.

Es mag ja alles ganz einfach erscheinen: Nur eine Menge vorbeifliegender Vögel, den Auslöser drücken und, zack, hat man das Ergebnis ... In Wirklichkeit ist man am Ende der Welt, steht am Hang eines schneebedeckten kleinen Hügels auf einer Insel im arktischen Ozean; doch um dorthin zu kommen, muss man einen Zehntagevorrat an Wasser und Nahrungsmitteln durch den Tiefschnee eines Steilhangs hinaufschleppen, und dann steht man dort jeden einzelnen Tag unter allen möglichen interessanten Wetterbedingungen und hofft, dass irgendwann genau der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

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© „Der weiße Meister“ Schneehuhn in den arktischen Hügeln, Utsjoki, Finnland. Aufgenommen mit einer Canon EOS-1D X mit 600-mm-Objektiv, 1:4 und Extender 1,4X: 1/500 s, 1:8, ISO 800.