Vier Monate für ein Bild: Die Realität bei der Vorproduktion in der Sportfotografie

Was ist für die Entstehung eines preisgekrönten Fotos nötig? Der professionelle Action- und Sportfotograf Martin Bissig verrät alles über seine akribische Planung sowie intensive Vorbereitung und gewährt einen Einblick hinter die Kulissen in Jaipur, wo er einen einzigartigen, perfekten Moment eingefangen hat.
Actionfoto des indischen Skateboarders Yogesh bei einem Kickflip. Aufgenommen von Martin Bissig mit der Canon EOS R5 Mark II.

Die Aufnahme. Mit „Kickflippin’ India“ gewann Martin Bissig Gold in der Kategorie „Urban & Extreme“ bei den World Sports Photography Awards 2026. Doch dieses Foto entstand nicht zufällig, es erforderte vier Monate Vorproduktion, ein unbekanntes Reiseziel, ein unbekanntes Motiv und ein unerwartetes Ergebnis. Aufgenommen mit einer Canon EOS R5 Mark II und einem RF 24-70mm F2.8 L IS USM Objektiv bei 50 mm, 1.000 Sek., Blende F4,5 und ISO 200. © Martin Bissig

Als mich ein guter Freund im November 2024 fragte, ob ich ihn auf eine Woche Street-Fotografie nach Indien begleiten wolle, sagte ich sofort zu. Indien fasziniert mich schon seit vielen Jahren. Als professioneller Sportfotograf weiß ich allerdings ganz gut, wie ich ticke. Ich kann nicht einfach mit einer Kamera herumlaufen und auf eine gute Aufnahme hoffen. Ich benötige eine klare Aufgabe, auf die ich mich voll und ganz konzentriere. So begann ich, unsere Reiseziele zu recherchieren, um ein geeignetes Projekt zu finden.

Als ich mich mit Jaipur beschäftigte, stieß ich auf Bilder des berühmten Stufenbrunnens Panna Meena Kund. Die Geometrie der Treppenstufen zog sofort mich sofort in den Bann. Ich wusste, dass ich dort ein Action-Sportfoto machen wollte. Bei einer kurzen Recherche stieß ich jedoch auf ein großes Hindernis: Man darf diese Stufen nicht mehr betreten. Es handelt sich um eine geschützte archäologische Stätte. Für den Zugang ist eine offizielle Genehmigung erforderlich, und die Wartezeit für die Bearbeitung der Anträge beträgt drei Monate.

Porträt des Schweizer Profi-Actionfotografen und Canon Ambassador Martin Bissig
Der in der Schweiz geborene Martin Bissig ist professioneller Actionfotograf und Filmemacher, der seine drei größten Leidenschaften kombiniert hat: Reisen, Radfahren und Fotografie. So konnte er seine berufliche Karriere vorantreiben, einen beneidenswerten Kundenstamm aufbauen und preisgekrönte Bilder schaffen.

Hier nimmt er uns mit hinter die Kulissen seiner Welt der professionellen Sport- und Actionfotografie.

Das ist die wenig glamouröse Realität unseres Geschäfts. Die Leute sehen sich ein Actionfoto an und denken an Adrenalin, aber sie sehen nicht, wie viele Stunden Büroarbeit dahinterstecken. Einer meiner Freunde, der in Agra lebt, half mir, mich mit der indischen Bürokratie zurechtzufinden. Ohne die Hilfe vor Ort und endlose E-Mails mit Fragen zum Bearbeitungsstand, ist es fast unmöglich, diese Genehmigung zu bekommen.

Während ich wartete, suchte ich auf Instagram nach lokalen Sportlern. So lernte ich eine talentierte Skateboarderin aus Jaipur namens Ayjushka kennen. Die Arbeit mit einer modernen Skaterin in diesem alten, symmetrischen Bauwerk war genau der Kontrast, den ich mir gewünscht hatte. Endlich war alles für den 14. April um 6 Uhr morgens vorbereitet. Aber in unserem Job bedeutet „vorbereitet” nur, dass man einen Plan hat, der sich wahrscheinlich ändern wird.

Ein Blick hinter die Kulissen: Der Fotograf Martin Bissig gibt zwei Skateboardern am Stufenbrunnen Panna Meena Kund in Jaipur, Indien, Anweisungen.

Die Psychologie der Regie. Ich musste Ayushka und Yogesh über das Wasser hinweg durch eine ihnen unbekannte Umgebung führen. Ihr Selbstvertrauen zu stärken ist genauso wichtig wie auf den Auslöser zu drücken. © Simon Schnellmann

Ein Blick hinter die Kulissen: Der Fotograf Martin Bissig sitzt am Stufenbrunnen Panna Meena Kund in Jaipur, Indien, und nimmt mit seiner Canon EOS R5 Mark II ein Foto auf.

Vertrauen in die eigene Technik. Um meine Vision in einer Situation mit hohem Druck zu verwirklichen, musste ich mich voll und ganz auf meine EOS R5 Mark II und mein RF 24-70mm F2.8 L IS USM Objektiv verlassen können. Wenn man sich keine Sorgen um technische Probleme machen muss, kann man sich vollumfänglich auf die Aufnahme konzentrieren. © Simon Schnellmann

Umgang mit dem Unbekannten

Es gab noch so viele Unbekannte. Zum einen hatte ich keine Garantie, dass der indische Beamte mit unserer hart erkämpften Genehmigung tatsächlich auftauchen würde. Zum anderen hatte ich bisher nur über das Internet mit Ayjushka gesprochen. Würde sie wirklich im Morgengrauen da sein?

Die harte Realität der Vorproduktion traf mich am Abend vor dem Shooting. Ich hatte mich mit Ayjushka persönlich getroffen, um die Kulisse im Detail zu besprechen. Dabei stellten wir schnell fest, dass ihr Skateboard-Stil auf flaches Gelände und Straßenumgebungen ausgelegt ist. Die steilen, gnadenlosen Stufen des alten Stufenbrunnens waren einfach nicht geeignet für den Trick, den ich mir ursprünglich vorgestellt hatte. Wenn man eine Aufnahme über vier Monate hinweg plant, ist das der Moment, in dem einem das Herz in die Hose rutscht. Man hat die perfekte Kulisse, man hat die teure Genehmigung, aber plötzlich könnte die geplante Action nicht funktionieren.

Sie ging jedoch unglaublich professionell damit um und hatte eine pragmatische Lösung parat: Sie würde ihren guten Freund Yogesh mitbringen, dessen Skateboard-Skills besser zu dieser extremen architektonischen Kulisse passten. Wir vereinbarten, uns am nächsten Morgen um 5:30 Uhr zu treffen, um gemeinsam dorthin zu fahren.

Als wir im Morgengrauen am Stufenbrunnen ankamen, war ich unglaublich erleichtert, den Beamten mit der Genehmigung dort auf uns warten zu sehen. Doch die Anspannung blieb. Ich wusste immer noch nicht, ob der örtliche Wachmann uns hereinlassen würde. Mit Skateboards ein historisches Denkmal zu betreten, entspricht nicht dem üblichen Protokoll. Er sah sich die Genehmigung an, sah uns an und nickte einfach. Wir hatten grünes Licht.

Wir waren drin. Das Morgenlicht wurde heller, doch dann standen wir plötzlich vor dem nächsten Hürde. Yogesh blickte auf die massive, steile Anlage, schüttelte den Kopf und sagte mir, dass es unmöglich sei, dort einen Trick zu landen.

Actionfoto eines Mannes, der auf den Stufen des Panna Meena Kund-Stufenbrunnens in Jaipur, Indien, einen Breakdance-Move vorführt. Aufgenommen von Martin Bissig mit der Canon EOS R5 Mark II.

Das Schaffen von Vertrauen ist unerlässlich. Indem wir es Yogesh ermöglichten, sich mit Breakdance-Moves aufzuwärmen, konnte er sich mit dieser schwierigen, steilen Umgebung vertraut machen, bevor das Skateboard zum Einsatz kam. Aufgenommen mit einer Canon EOS R5 Mark II und einem RF 24-70mm F2.8 L IS USM Objektiv bei 50 mm, 1/2.500 Sek., Blende F4,5 und ISO 200. © Martin Bissig

Ein Blick hinter die Kulissen: Der Fotograf Martin Bissig fotografiert mit seiner Canon EOS R5 Mark II einen Skateboarder am Stufenbrunnen Panna Meena Kund in Jaipur, Indien.

Und dann geht das Shooting los. Eines der schönsten Gefühle als Fotograf ist, wenn sich endlich alles zusammenfügt: die hart erkämpfte Genehmigung, die Sportler und die eigene Vision. Man sieht sogar den Wachmann, der entspannt im Hintergrund steht. Das ist der ultimative Beweis dafür, dass sich die monatelange administrative Vorbereitung tatsächlich gelohnt hat. © Simon Schnellmann

Vom Fotografen zum Psychologen

Das ist die Phase eines Shootings, in der man als Fotograf zum Psychologen werden muss. Man kann Sportler nicht zu etwas Gefährlichem zwingen, aber man kann sie anleiten. Ich fragte Yogesh, ob er zum Aufwärmen ein paar Breakdance-Moves machen könnte. Ich wusste, dass er auch Tänzer ist. Er war einverstanden und begann, auf dem alten Stein seine Moves am Boden zu machen. Das Eis war schnell gebrochen. Der Stresspegel sank und die Atmosphäre wurde eher spielerisch als angespannt.

Nachdem er sich mit der Oberfläche vertraut gemacht hatte, besprachen wir erneut den Skateboard-Trick. Ich konnte ihn überzeugen, eine kleine, kontrollierte Variante davon zu versuchen. Er stieg auf sein Board, fand seine Linie und legte los. Ich war unglaublich überrascht und erleichtert. Es funktionierte perfekt.

Actionfoto einer rot gekleideten Skateboarderin, die am Stufenbrunnen Panna Meena Kund in Jaipur, Indien, einen Trick vorführt. Aufgenommen von Martin Bissig mit der Canon EOS R5 Mark II.

In der laufenden Produktion spontan bleiben. Die Vorproduktion ist zwar wichtig, aber Spontaneität ist genauso entscheidend. Ich habe die Sportler auf der Treppe positioniert, die Frau im Vordergrund war jedoch reiner Zufall. Durch meine schnelle Reaktion auf ihre Anwesenheit gewann das Bild an Tiefe und kulturellem Kontext. Aufgenommen mit einer Canon EOS R5 Mark II und einem RF 24-70mm F2.8 L IS USM Objektiv bei 61 mm, 1/800 Sek., Blende F4,5 und ISO 400. © Martin Bissig

Actionfoto einer rot gekleideten Skateboarderin, die am Stufenbrunnen Panna Meena Kund in Jaipur, Indien, einen Trick vorführt. Aufgenommen von Martin Bissig mit der Canon EOS R5 Mark II.

Die Belohnung für das Schaffen von Vertrauen. Nachdem Ayjushka in dieser schwierigen Umgebung etwas Selbstvertrauen gewonnen hatte, wies ich sie an, direkt unter den Bögen einen Ollie zu machen. Dank ihrer Leistung wurde dies das zweite Bild aus unserer morgendlichen Session, das es ins Finale der World Sports Photography Awards schaffte. Aufgenommen mit einer Canon EOS R5 Mark II und einem RF 15-35mm F2.8 L IS USM Objektiv bei 16 mm, 1/1.000 Sek., Blende F3,2 und ISO 400. © Martin Bissig

Planung der perfekten Actionaufnahme: Der perfekte Kontrast

Eine über viermonatige Planungsphase gipfelte in diesem Bruchteil einer Sekunde und führte zu dem Bild von Yogesh (erstes Bild), das schließlich bei den World Sports Photography Awards (WSPA) 2026 in der Kategorie „Urban & Extreme” mit Gold ausgezeichnet wurde.

Aber das war nicht der einzige Erfolg an diesem Vormittag. Während dieser Stunden machte ich auch ausgiebig Aufnahmen mit Ayjushka direkt dort im Stufenbrunnen. Ich hatte sie gebeten, für eine bestimmte Aufnahme, die wir zuvor geplant hatten, ein rotes Kleid zu tragen. Als sie sich auf den alten Stufen positionierte, bildete der rote Stoff einen absolut perfekten, lebhaften Kontrast zum staubigen Hintergrund. Ihre Präsenz in dieser Kulisse war so stark, dass auch ein Bild aus dieser Reihe es auf die Shortlist der WSPA schaffte.

Professionelle Ausrüstung: Aufnahmen mit der EOS R5 Mark II

Bei diesem Projekt war meine Hauptkamera die Canon EOS R5 Mark II, das gleiche Kameramodell, das ich täglich benutze. Da die Situation und der Zeitplan so herausfordernd waren, benötigte ich ein Tool, das einfach funktionierte, ohne dass ich groß darüber nachdenken muss und mich so voll und ganz auf die Geometrie und Komposition konzentrieren kann.

Hinsichtlich der Objektive habe ich mich auf meine Standardausrüstung für Reisen verlassen: das Canon RF 24-70mm F2.8 L IS USM und das RF 15-35mm F2.8 L IS USM. Als reisender Sportfotograf ist es für mich unerlässlich, dass meine Ausrüstung kompakt und relativ leicht ist, besonders, wenn ich mich durch überfüllte indische Straßen bewege oder alte, steile Monumente erklimme. Leicht heißt jedoch nicht, dass ich Kompromisse bei der Bildqualität eingehen kann.

Diese beiden Objektive bieten mir genau die Balance, die ich benötige. Das 24-70mm ist mein absolutes Arbeitstier. Es eignet sich ideal für enge Bildausschnitte und die Aufnahme von Sportlern vor komplexen Hintergründen. Das 15-35mm-Ultraweitwinkelobjektiv hingegen ermöglicht es mir, die ganze Größe und massive Geometrie des Ortes zu zeigen. Das war für die Entstehung der Weitwinkelaufnahmen und die Betonung der Architektur als Hauptdarsteller der Story unabdingbar.

Actionfoto einer Skateboarderin, die in einem Korridor aus bunten Säulen in den Straßen von Jaipur, Indien, einen Trick vorführt. Aufgenommen von Martin Bissig mit der EOS R5 Mark II.

Das war der perfekte Move in einer perfekten Umgebung, der es Ayjushka ermöglichte, am zweiten Tag ihre Skills im Street-Skateboarding voll zur Geltung zu bringen. Allerdings verläuft das Fotografieren vor Ort nur selten entspannt. Wir hatten nur ein hektisches Zeitfenster von 10 Minuten, um diese Aufnahme zu machen, bevor uns um 6 Uhr morgens ein Wachmann verjagte. Aufgenommen mit einer Canon EOS R5 Mark II mit einem RF 24-70mm F2.8 L IS USM Objektiv bei 43 mm, 1/400 Sek., Blende F2,8 und ISO 3200. © Martin Bissig

Anpassung der Vision: Den Geist Indiens mittels Straßenfotografie einfangen

Um ihre besonderen Skills auf dem Board noch besser zur Geltung zu bringen, machten wir uns am nächsten Tag erneut auf den Weg. Wir fanden einen komplett anderen Ort in der Stadt, der perfekt zu Ayjushkas Street-Skate-Skills passte. Dort konnte sie wirklich zeigen, was sie kann. Das hat uns wieder einmal vor Augen geführt, dass es bei der Vorproduktion auch darum geht, flexibel genug zu sein, um sich an die Menschen anzupassen, mit denen man zusammenarbeitet.

Eine detaillierte Planung ist unerlässlich. Ohne die Genehmigung, die Recherche und die Koordination hätten wir absolut nichts erreicht. Aber es ist auch immer eine große Portion Glück nötig, um eine Vision zu verwirklichen, sowie die Bereitschaft, sich anzupassen, wenn Realität und Planung auseinandergehen.

Martin Bissig, Canon Ambassador
Besuche seine Website hier: www.bissig.ch

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